Die Welt auf Kriegskurs:
Wie unleugbar Gute den Planeten in einen kandierten Kürbis verwandeln.
von Axel B.C. Krauss
Gleich zu Beginn des Buches (engl. The Grand Chessboard, Zbigniew Brzeziński), nämlich im Vorwort, läßt er keinen Zweifel über die oberste geostrategische Priorität aufkommen (zitiert nach der englischen Ausgabe) „Das ultimative Ziel amerikanischer Politik sollte gutartig und visionär sein: eine wahrhaft kooperative globale Gemeinschaft zu schaffen, die langfristige Trends und die fundamentalen Interessen der Menschheit im Auge behält“. Hört sich eigentlich ganz harmlos, ja sogar philanthropisch an. Gleich der nächste Satz birgt aber schon genau dasjenige Konfliktpotential, dessen realpolitische Folgen sich heuer vor unser aller Augen entfalten „In der Zwischenzeit ist es unumgänglich, dass kein eurasischer Herausforderer entsteht, der in der Lage wäre, Eurasien zu dominieren und somit Amerika herauszufordern. Die Formulierung einer umfassenden und integrierten Geostrategie für Eurasien ist daher der Zweck dieses Buches.“
Problematisch ist das natürlich deshalb, weil eine Geopolitik, die, sei sie auch noch so behutsam und mit viel Verständnis für die kultur-mentalitätsgeschichtlichen sowie national politischen Eigenheiten, Interessen, „Ticks“ und geopolitischen Absichten, Ambitionen und Aspirationen der politischen Partner in Eurasien formuliert – ein „umsichtiges Verhalten“, auf dessen Wichtigkeit Brzeziński ja ständig hinweist -, spätestens dann fast zwangsläufig auf Widerstände stoßen wird, wenn der bündnispolitische „gute Freund“ in Eurasien sich von dieser in seinen Eigeninteressen behindert oder gar herabgesetzt und angegriffen fühlt. Und genau das ist heute im zunehmenden Maße der Fall. Man kann die politischen Eliten anderer Länder nicht ewig in Abhängigkeit halten, vor allem sicherheitspolitischer Abhängigkeit, wie Brzeziński in seinem Buch ganz unverblümt fordert. Die andern werden, umgangssprachlich formuliert, auch mal „ihr eigenes Ding“ machen und eventuell ein größeres Stück vom Kuchen abhaben wollen. Deutschland zum Beispiel ist nicht mehr als eine Kolonie der Vereinigten Staaten, eine Art „Brückenkopf“ in Eurasien. Was Brzeziński selbst übrigens auch genauso formuliert: Deutschland sein ein „Bridgehead“ auf dem europäischen Kontinent zur Projektion anglo-amerikanischer Macht in Eurasien. Er spricht von „Vassals and Tributaries“, also von Vasallen und „Tributpflichtigen“.
Auf dem Papier mag Deutschland eine souveräne Nation sein – real-, vor allem außenpolitisch ist es ein Terrier, der auf die Stimme seines Herrn zu hören hat. Es steht unter der Fuchtel Washingtons. An dieser Tatsache kommen auch die passioniertesten Tagträumer der Märchenmedien nicht mehr vorbei – und genau aus diesem Grund wird auch jeder aufs schärfste von ihnen angegriffen, der sich erkühnt, diese simple Tatsache offen auszusprechen. Wer es sich mit den „Freunden“ in Washington verscherzt, muss sich – vor allem, wenn man politisch weit oben in der politischen Nahrungskette steht – auf eine steilwinklige Kursänderung seiner Karriere gefasst machen. Das war nach Gerhard Schröders Ablehnung einer deutschen Beteiligung am Irak-Krieg nicht anders. Bald darauf war er seine Kanzlerschaft auch schon los – offiziell wurden natürlich andere Gründe vorgeschoben. Wenn ich vorstellen darf: Angela Merkel, die sogleich nach Amerika düste und vor George W. einen tiefen Knickser machte. Bereits am 18.09.2005 titelte der Focus: “Bush hofft auf Merkel: „Schröder steht für das Böse“. Das selbe galt für Guido Westerwelle, FDP, nach dessen öffentlich ausgesprochener Skepsis gegenüber den Kriegsplänen in Libyen die einschlägigen Propagandakanonen, darunter z.b. die „Zeit“, ihn auch schon in Grund und Boden schimpfte. Was man denn haben können gegen Kampfbombereinsätze, die doch nur ein bisschen humanitäre Hilfe abwerfen. Prof. Hans-Jürgen Bocker faßte die Problematik einmal wie folgt zusammen: „Deutschland? Dieses kriecherische Land? Die würde noch nicht mal um ein Glas Wasser bitten“.
Es gibt natürlich noch einen anderen Grund, warum eine solche Geostrategie, die auf bündnispolitische Kleintierhaltung und „Einhegung“ ausgelegt ist, langfristig scheitern muß: Währen Brzeziński mit Blick auf Länder wie Deutschland und Frankreich durchaus richtig feststellt, diese seien in geopolitischer Hinsicht ehe unbedeutend und militärisch ohnehin mehr oder weniger „zahnlos“, weshalb sie daraf bedacht seien, es sich mit dem ??? NATO-Bündnis Schutz bietenden, großen, militärisch muskulösen Freund nicht zu verscherzen, sehe das bei Ländern wie Russland und China schon ganz anders aus. Hier handelt es sich um, wie er sie nennt, „Spieler“ von bedeutender geopolitischer Wortmächtigkeit, die man nicht ohne Weiteres nach Belieben durchkneten kann. Mal ganz zu schweigen von der wichtigsten Frage in diesem Zusammenhang: Warum spricht Brzeziński von der „einzigen verbliebenen Supermacht“ in einer Weise, als könnte sie selbst dann kein Wässerchen trüben, wenn sie nach drei Stunden intensiven Schlammcatchens hineinstiege? Seit wann bitte muß die ganze Welt an Washingtons Wesen genesen? Sagt wer?
Nicht umsonst formuliert er in seinem Buch dann auch noch eine Geostrategie, die es vor allem auf die Einzäunung der Aufstiegsbestrebungen Russlands und Chinas abgesehen hat. Wie man das am besten erreicht? Na, zum Beispiel dadurch, kleinere Länder in naher und nächster Nachbarschaft, die er als „geopoltical pivots“ (Dreh- oder Angelpunkte, in diesem Kontext aber vielleicht besser als“ geopolitische Flügelmänner“ zu übersetzen) bezeichnet, möglichst auf die eigene Seite zu ziehen – z. B. durch eine Ausdehung des Einflußbereiches der NATO, mithin der EU Richtung Osten. Zwar hat Brzeziński nicht Unrecht, wenn er mit Blick auf Russland und China darauf hinweist, diese könnten – wobei er vor allem Russland mehrfach erwähnt - neo-imperialistische Ambitionen an den Tag legen und sich anti-demokratisch entwickeln, also entgegen den vom transatlantischen Bündnis angeblich so wacker verbreiteten Werten der Zivilsation. Tatsächlich trat die politische Führung Chinas mit wachsender Wirtschaftsmacht immer ein Stückchen lauter und fordender auch im Ausland auf; natürlich darf man die menschenrechtliche Situation im Reich der Mitte kritisieren, in dem Regierungsgegnern u.U. schwere Strafen blühen und es mit der Meinungsfreiheit nach westlichen Maßstäben noch lange nicht zum Besten bestellt ist; und ja, auch der politischen Entwicklung, die Russland in den letzten Jahren nahm, sollte man nicht allzu blauäugig begegnen; natürlich besteht – auch das ist ein ganz banale Erkenntnis – immer die Gefahr, daß geopolitische Spieler mit wachsender Größe eine sehr negative, bedrohlich megalomanische Entwicklung nehmen können – das bestreitet niemand. Wäre nur zu fragen, ob Dauerkriege, die vom NATO-Bündnis unter US-Führung unter Vorspiegelung falscher Tatsachen seit über einer Dekade geführt werden und bisher nichte gerade dazu beitrugen, die Welt zu einem nachkatzenkonformeren Ort zu machen, eventuell nicht auch unter imperialistischem Fußaufstampfen, hegemonialer Megalomanie und ziemlich anmaßender geopolitischer Impertinenz rubriziert werden können.
Brzeziński zeigt sich in „The Grand Chessboard“ u.a. beigeistert vom „Mongolischen Reich“ und dessen Führer Genghis Khan, der es vermocht habe, die bedeutendste Weltreligion unter seine Fittiche zu bringen: „Genghis Khan und seine Nachfolger etablierten durch ihren Sieg über die regionalen Rivalen eine zentralisierte über dasjenige Territorium, das geopolitische Gelehrte späterer Tage als das >globale Herzland< identifizierten, oder als Angelpunkt der Weltmacht.“ Brzeziński bezieht sich damit auf die sogenannte „Herzland-Doktrin“ des von im bewunderten britischen Geopolitikers Sir Halford Mackinder:
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„Who rules Eastern Europe commands the Heartland
Who rules the Heartland commands the World Island
Who rules the World Island commands the World“
„Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland.
Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel.
Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt
Quelle: Googlebooks - Buch „Die Welt auf Kriegskurs“ im Handel erhältlich
Auszug aus: Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft (The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, 1997) ist der Titel der bekanntesten geopolitischen Monographie Zbigniew Brzezińskis. Ziel dieses Buches ist es, „im Hinblick auf Eurasien eine umfassende und in sich geschlossene Geostrategie zu entwerfen“. Die Vereinigten Staaten als „erste, einzige wirkliche und letzte Weltmacht“ nach dem Zerfall der Sowjetunion müssen ihre Vorherrschaft auf dem „großen Schachbrett“ Eurasien sichern, um so eine neue Weltordnung zu ermöglichen. (Wikipedia)
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