Ende Teil 1/2 - Nach Abschluß seiner Reise Ende Mai 1914 habe er sich in einem kaukasischen Hafen einschiffen wollen, aber alle Schiffe seien derart mit Truppen besetzt gewesen, daß er nur mit Mühe noch eine Kajüte für sich und seine Frau erhalten konnte. Die russischen Offiziere erzählten ihm , sie würden in Odessa landen und von da in die Ukraine marschieren zu einem großen Manöver.
- Der Fürst Tundutow, Ataman der Kalmückenkosaken, zwischen Zaryzin und Astrachan residierend, vor und während des Krieges persönlicher Adjudant des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, kam im Sommer 1918 in das Hauptquartier in Bosmont, um Verbindung mit Deutschland zu suchen, da sie Kosaken keine Slawen und durchaus Feinde der Bolschewiken seien. Er erzählte, er sei von Nikolai Nikolajewitsch vor Kriegsausbruch zum Generalstab entsandt gewesen, um den Großfürsten über die dortigen Vorgänge auf dem laufenden zu halten. Auf diese Weise sei er Zeuge des berüchtigten Telephongespräches zwischen dem Zaren und dem Chef des Generalstabes General Januschkewitsch gewesen. Der Zar habe unter dem tiefen Eindruck des ernsten Telegrammes des Deutschen Kaisers beschlossen, die Mobilmachung zu inhibieren[5]. Er habe Januschkewitsch telephonisch befohlen, die Mobilmachung nicht auszuführen bzw. rückgängig zu machen. Dieser habe diesen klaren Befehl nicht ausgeführt, sondern bei dem Minister des Auswärtigen Amtes Sasonow, mit dem er seit Wochen in Verbindung gestanden, intrigiert und zum Kriege gehetzt habe, telephonisch angefragt, was er nun tun solle. Sasonow habe darauf geantwortet: Der Befehl des Zaren sei Unsinn, der General solle die Mobilmachung nur ausführen, er (Sasonow) werde den Zaren morgen schon wieder herumkriegen und ihm das dumme Telegramm des Deutschen Kaisers ausreden. Daraufhin meldete Januschkewitsch dem Zaren, die Mobilmachung sei schon im Gange und nicht mehr rückgängig zu machen. Nun fügte Fürst Tundutow hinzu: Das war eine Lüge, denn ich habe selbst neben Januschkewitsch den Mobilmachungsbefehl auf seinem Schreibtisch liegen sehen, er war also noch gar nicht abgesandt.Bei diesem Vorgange ist psychologisch interessant, das Zar Nikolaus, der den Weltkrieg vorbereiten half und die Mobilmachung schon befohlen hatte, im letzten Moment noch umschwenken wollte. Es scheint, daß mein ernstes warnendes Telegramm in zum ersten Male die ungeheure Verantwortung deutlich erkennen ließ, die er mit seinen kriegerischen Maßnahmen auf sich lud. Deshalb wollte er die völkermordente Kriegsmaschine, die er soeben in Bewegung gesetzt hatte, stoppen. Das wäre noch möglich, der Friede noch zu retten gewesen, wenn nicht Sasonow die Ausführung vereitelt hätte.Auf meine Frage, ob der Großfürst, der als Deutschenhasser bekannt war, sehr zum Kriege gehetzt habe, erwiderte der Fürst: Der Großfürst habe allerdings eifrig für den Krieg gewirkt, aber ein Hetzen sei überhaupt überflüssig gewesen, weil sowieso eine starke Kriegsstimmung gegen Deutschland im ganzen russischen Offizierskorps geherrscht habe. Dieser Geist sei hauptsächlich aus der französischen Armee auf die russischen Offiziere übertragen worden. Man habe den Krieg eigentlich schon im Jahr 1908/09 (Bosnische Frage) machen wollen, aber Frankreich sei damals noch nicht fertig gewesen. Auch 1914 sei Rußland eigentlich noch nicht ganz fertig gewesen; Januschkewitsch uns Suchomlinow hätten den Krieg erst für 1917 geplant. Aber Sasonow und Ifwolfki sowie die Franzosen waren nicht mehr zu halten. Jene fürchteten die Revolution in Rußland und den Einfluß des Deutschen Kaisers auf den Zaren, durch den der Zar vielleicht vom Kriegsgedanken abgebracht werden könnte. Die Franzosen aber, die für den Augenblick der englischen Hilfe sicher waren, befürchteten, England könnte sich später auf ihre Kosten mit Deutschland verständigen. Auf meine frage, ob den der Zar die Kriegsstimmung gekannt und geduldet habe, antwortete der Fürst: Es sei bezeichnend, daß der Zar aus Gründen der Vorsicht ein für allemal verboten habe, deutsche Diplomaten oder Militärattachés zum Mittag- oder Abendessen im Offizierkorps einzuladen, an denen er persönlich teilnahm.
- Beim Vormarsch im Jahre 1914 fanden unsere Truppe in Nordfrankreich und an der belgischen Grenze große Depots (stores) von englischen Soldatenmänteln vor. Nach Aussage der Einwohner sind diese Mäntel schon in den letzten Jahren im Frieden an Ort und Stelle niedergelegt worden. Die englischen Infanteristen, die im Sommer 1914 von uns zu Gefangenen gemacht wurden, hatten meist keine Mäntel und gaben auf die Frage: warum? Ganz naiv an: „We are to find our great coats in the stores at Mubeuge, Le Quesnoyy etc. in the north of France and in Belgium.“[6]) Ebenso stand es mit den Karten. Es wurden in Maubeuge von unseren Leuten große Mengen englischer Militärkarten von Nordfrankreich und Belgien gefunden; Exemplare sind mir vorgelegt worden. Die Ortsnamen waren auf französisch und englisch gedruckt am Rande alle Bezeugungen für den Gebrauch der Soldaten übersetzt, z,. B. moulin=mill, pont=bridge, maison=house, ville=town, bois=wood usw. Diese Karten stammten aus dem Jahre 1911 und waren in Southampton gestochen. Die Depots waren seitens Englands mit der Erlaubnis der französischen und belgischen Regierungen schon vor dem Kriege mitten im Frieden angelegt worden. Was wäre wohl in Belgien, dem „neutralen Lande“, für ein Sturm der Entrüstung losgebrochen, und welchen Lärm hätten England und Frankreich darüber geschlagen, wenn wir in Spa, Lüttich, Namur im Frieden Depots von deutschen Soldatenmänteln und Karten hätten anlegen wollen!
Unter den Staatsmännern, die neben Poincaré besonders zur Entfesselung des Weltkrieges beigetragen haben, dürfte die Gruppe Sasonow-Ifwolfki an erster Stelle stehen. Ifwolfki hat, wie man sagt, in Paris stolz an seine Brust pochend erklärt: Den Krieg habe ich gemacht, „Jesuis le père de cette guerre[7].“) Delcassé hat großen Anteil an der Schuld für den Weltkrieg, noch größeren Grey als der geistige Leiter der „Einkreisung“, die er als „Vermächtnis“ seines verstorbenen Königs getreulich fort- und durchführte.
Es ist mir mitgeteilt worden, daß eine wesentliche Rolle bei der Vorbereitung des gegen die monarchischen Mittelmächte gerichteten Weltkrieges die langjährige, zielbewußte Politik der internationalen „Großorientloge“ gespielt hätte. Die deutschen Großlogen aber hätten mit zwei Ausnahmen, in denen die nichtdeutsche Finanz herrscht und im geheimen mit dem „Großorient“ in Paris in Verbindung stehen, mit dem „Großorient“ keinen Zusammenhang. Sie seien, wie mir der angesehen deutsche Freimaurer, der mit diesen ganzen, mir bis dahin unbekannten Zusammenhang meldete, versichert hat, durchaus loyal und treu gewesen. Im Laufe des Jahres 1917 habe in Paris eine internationale Tagung der Logen des „Großorient“ stattgefunden, der später noch eine Besprechung in der Schweiz gefolgt sei. Auf dieser Tagung sie nachstehendes Programm festgesetzt worden: Zerstückelung von Österreich-Ungarn, Demokratisierung Deutschlands, Beseitigung des Hauses Habsburg, Abdankung des Deutschen Kaisers, Rückgabe Elsaß-Lothringens an Frankreich, Vereinigung Galiziens mit Polen, Beseitigung des Papstes und er katholischen Kirche wie überhaupt jeder Staatskirche in Europa.
Ich bin von hier aus nicht in der Lage, die sehr gravierenden Mitteilungen über die Organisation und das Wirken der Großorientlogen, die mir nach bestem Wissen und Gewissen gemacht wurden, nachzuprüfen. Geheime und öffentliche politische Organisationen haben im Leben der Völker und der Staaten wichtige Rollen gespielt, solange es Geschichte gibt. Manche haben segensreich gewirkt, die meisten destruktiv, wenn sie geheime Parolen führen müssen, die das Tageslicht zu fürchten haben. Die gefährlichsten derartiger Bünde umgeben sich mit dem Vorwande irgendwelcher idealen Bestrebungen, wie der Pflege der werktätigen Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft für die Schwachen und Armen u. a . m., um unter solchem Deckmantel ihren eigentlichen verborgenen Zielen zuzustreben. Es ist jedenfalls erforderlich, dem Wirken der Großorientlogen nachzugehen, denn man kann zu dieser Weltorganisation endgültig erst Stellung nehmen, wenn sie gründlich erforscht ist.
Auf die kriegerischen Operationen will ich in dieser Schrift nicht eingehen. Diese Arbeit will ich um so mehr meinen Offizieren und Historikern überlassen, als ich, da ich ohne jede Akten schreibe, die Darlegung hier nur in ganz großen Umrissen ausführen könnte.
Wenn ich an die schweren vier Kriegsjahre zurückdenke, mit ihrem Hoffen und Zagen, mit ihren glänzenden Siegen und ihren Verlusten an kostbarem Blute, so steht bei mir im Vordergrunde das Gefühl heißen Dankes und unvergänglicher Bewunderung für die unvergleichlichen Leistungen des Deutschen Volkes in Waffen. Dieser Dank gilt in erster Linie den genialen Führern in dem furchtbaren Ringen, vor allem dem Generalfeldmarschall v. Hindenburg, dem getreuen Eckart des deutschen Volkes, und seinem von ihm unzertrennlichen starken Berater, dem General Ludendorff. Mein Dank für jeden einzelnen meiner wackeren Soldaten ist aber nicht minder warm. Besonders gebührt er denen, die ihre Treue für Kaiser und Reich mit ihrem Blute besiegelt haben.
Wie der Heimat kein Opfer des Ausharrens und der Entbehrung zu groß war, so hat das Heer in Abwehr des uns freventlich[8] aufgezwungen Krieges nicht nur die erdrückende Übermacht von 28 Feindstaaten abgewehrt. Es hat zu Lande, zu Wasser und in der Luft Siege errungen, deren Glanz im Nebel der heutigen Zeit vielleicht etwas verblaßt erscheint, im Lichte der Geschichte aber dereinst umso heller strahlen wird. Und damit nicht genug. Wo immer bei unseren Bundesgenossen Not eintrat – deutsches Eingreifen, oft mit schwachen Truppen, stellte stets die Lage wieder her und brachte oft namhafte Erfolge. Deutsche fochten auf allen Kampfplätzen des ausgedehnten Weltkrieges.
Fürwahr, die heldenmütige Tapferkeit des deutschen Volkes hätte ein besseres Los verdient, als daß sie dem tückischen Dolchstoße von hinten zum Opfer fiel. Es scheint deutsches Schicksal zu sein, daß Deutsche immer durch Deutsche besiegt werden. Jüngst las ich das leider nicht unberechtigte Wort: In Deutschland hat jeder Siegfried seinen Hödur hinter sich.
Schließlich noch ein Wort über die deutschen „Kriegsgräuel!“ und zwei Beispiele dazu!
Nach dem Einrücken in Nordfrankreich habe ich sofort den Schutz der Kunstdenkmäler befohlen. Jeder Armee wurden Kunsthistoriker und Professoren zugeteilt, die umherreisten und die Kirchen, Schlössern Burgen usw. besichtigten, aufnahmen und beschrieben. Unter anderem hat sich besonders der Konservator der Rheinprovinz Professor Clemen hervorgetan, der mir im Felde Vortrag über den Schutz der Kunstdenkmäler zu halten hatte. Alle Sammlungen in Städten, Museen und Schlössern wurden katalogisiert und nummeriert. Wo sie durch den Kampf bedroht schienen, wurden sie abtransportiert und in Valenciennes und Maubeuge in zwei prachtvollen großen Museen zusammengestellt und sorgsam behütet; bei jedem Stück war der Name des Besitzers vermerkt. Die alten Fenster der Kathedrale von St. Quentin wurden von deutschen Soldaten mit Lebensgefahr unter englischem Granatfeuer herausgeholt. Die Geschichte der Zerstörung der Kirche durch die Engländer ist durch einen deutschen katholischen Priester beschrieben, mit Photographien versehen veröffentlicht und auf meinen Befehl an den Papst gesandt worden.
In dem Schlosse von Pinon, daß der Prinzessin de Poix gehört, die bei der Kaiserin und mir in Berlin zu Gast gewesen war, lag das Generalkommando III. Armeekorps. Ich besuchte das Schloß und wohnte dort. Vorher waren Engländer einquartiert gewesen. Sie hatten greulich gehaust. Der kommandierende General v. Lochow mit seinem Stabe hatte große Mühe, daß Schloß nach der englischen Verwüstung einigermaßen wieder in Ordnung bringen. Ich besuchte mit dem General die Privatgemächer der Prinzessin, die bis dahin von unseren Soldaten nicht betreten werden durften. Ich fand die ganze Garderobe der Prinzessin von den englischen Soldaten aus den Schränken gerissen und samt Hüten auf dem Boden verstreut. Ich ließ alle Garderobestücke sorgsam säubern, in die Schränke hängen und verschließen. Ebenso war der Schreibtisch erbrochen und die Privatkorrespondenz der Prinzessin lag umher. Auf meinen Befehl wurden alle Briefe gesammelt, eingepackt versiegelt in den Schreibtisch gelegt und eingeschlossen. Späterhin fand man das ganze Tafelsilber im Park vergraben. Wie die Dorfbewohne gestanden, war das schon Anfang Juli angeordnet worden. Also hatte die Prinzessin schon lange vor dem Kriege Kenntnis von dessen bevorstehenden Ausbruch! Ich Befahl sofort die Katalogisierung des Silbers und dessen Aufbewahrung auf der Aachener Bank und Zurückgabe an die Prinzessin nach dem Kriege. Durch den Oberhofmarschall Freiherrn v. Reischach ließ ich der Prinzessin über die Schweiz Nachricht über Pinon, ihr Silber und meine Fürsorge für ihre Eigentum zukommen. Antwort ist nicht erfolgt. Dagegen hat die Prinzessin in der französischen Presse einen Brief veröffentlicht des Inhalts: Der General v. Kluck habe all ihr Silberzeug gestohlen.
Durch meine Fürsorge und die aufopfernde Arbeit der deutschen Kunstgelehrten und Soldaten – teilweise unter Gefahr für ihr Leben – sind den französischen Besitzern und den französischen Städten Kunstschätze im Werte von Milliarden erhalten worden. Das taten die Hunnen, die Boches[9]!
[5] inhibieren bedeutet „hemmen“, gelegentlich auch „verhindern“.
[6] Wir sollten unsere Mäntel in den Depots zu Maubeuge, Le Quesnoy usw. in Nordfrankreich und Belgien vorfinden.“
[7] „Ich bin der Vater dieses Krieges.“
[8] frevelhaft, lästerlich, sündhaft
[9] Der Begriff boche stammt aus dem Französischen und wird überwiegend als herablassende, meist auch diffamierende Bezeichnung für Deutsche gebraucht.
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